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50 Jahre BIBB - Zeitzeugen erzählen: Prof. Dr. Helmut Pütz

50 Jahre BIBB - Zeitzeugen erzählen: Prof. Dr. Helmut Pütz

Prof. Dr. Helmut Pütz

Von Juli 1987 bis Dezember 1997 war Prof. Dr. Helmut Pütz Stellvertretender Generalsekretär und Leiter des Forschungsbereichs und von Januar 1998 bis Juni 2005 Generalsekretär bzw. Präsident.

Prof. Dr. Helmut Pütz

Prof. Dr. Helmut Pütz

Als einziger der hier interviewten drei Alt-Präsidenten des BIBB und als einziger aller fünf Präsidenten war ich während der 18 Jahre meiner Amtszeit sowohl Stellvertretender Institutschef und „Leiter des Forschungsbereichs“ (elf Jahre) als auch anschließend Generalsekretär/Präsident (sieben Jahre). H.P.

Herr Pütz: Was macht das BIBB für Sie zu etwas Besonderem?

Die Verbindung von Berufsbildungsforschung und Berufsbildungspraxis in Betrieben und Berufsschulen ist das Besondere, das Alleinstellungsmerkmal des Instituts: unter Beteiligung der Gewerkschaften, Arbeitgeber, Bundesregierung und Länderregierungen. Diese einzigartige Forschungs-Verwurzelung habe ich stets gegen falsch verstandene Einmischungsversuche, beispielsweise des Wissenschaftsrates, verteidigt. Die Forschungskriterien der berufs- und wirtschaftspädagogischen Forschung der Universitäten unterscheiden sich fundamental von der betriebsorientierten Berufsbildungsforschung des Instituts. „Gemeinschaft der Forschenden und Entwickelnden“ bewirkt die Stärke des Gesamt-Instituts. Die Mitbestimmung der Sozialpartner, selbst bei den „Amts-Aufgaben“, ist mir unverzichtbar für eine partielle Instituts-Autonomie. Die gleichzeitige fruchtbare Kooperation, aber auch Äquidistanz des Bundesinstituts zu Sozialpartnern und Ministerium (nicht: „verlängerte Werkbank“), zu Hochschulen (Relevanz eigener Instituts-Publikationen!) sowie anderen Forschungsinstituten und Entwicklungsgesellschaften ermöglichen seine Fachkompetenz und sein Ansehen.
Der gesetzliche Auftrag zu freier Forschung und Veröffentlichung eröffnet ihm Möglichkeiten zur Modernisierung und zu Reformen der Berufsbildung, die das Bundesinstitut zu einer effizienten Öffentlichkeitsarbeit, zu einer permanenten Präsenz im medialen öffentlichen Berufsbildungsdialog nutzt, selbst, wenn seine forschungsbasierte Position von derjenigen der Bundesregierung abweicht. Besonders war für mich im Institut stets „Kontinuität und Evolution“, weshalb ich oft mit meinem Amtsvorgänger, Prof. Schmidt, gesprochen, ihn um Rat gefragt habe.

Bild Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser
4. BIBB-Fachkongress, Oktober 2002, Berlin - Präsident Pütz, Bundespräsident Rau, Ständiger Vertreter des Präsidenten Brosi

Herr Pütz: Was war die größte Herausforderung Ihrer Amtszeit?

Die größten Herausforderungen meiner Amtszeit(en) als Stellvertreter und Leiter waren zahlreich: Meine erste Herausforderung 1987 war die Herausführung des Bundesinstituts aus dem Parteienstreit und der Gegnerschaft der Bundestagsopposition. In loyaler und vertrauensvoller Zusammenarbeit mit meinem damaligen Institutschef, Prof. Dr. Hermann Schmidt, gelang es mir, innerhalb weniger Monate, die Akzeptanz des Instituts durch die Unionsparteien zu gewinnen und damit die weitere Existenz des Bundesinstituts, auch im Haushaltsausschuss des Bundestages, zu sichern. Es hat ab da nie mehr Anfeindungen dieser Art gegen das Institut gegeben.
Zur Konsolidierung des Instituts habe ich die Neufassung der Forschungsprioritäten, spezifisch zugeschnitten auf die betriebliche Berufsbildungsforschung, initiiert; gerade auch bei der Berufsbildungs-Sozialforschung (einschließlich Modellversuchsforschung) und der Medienforschung. Dies nicht als „Direktor“, sondern als Moderator unter breitester und kollegialer Beteiligung der wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den sogenannten Forschungs-Schwerpunkt-Arbeitsgemeinschaften (FSP-AGs).
Wegen gegenseitigen Misstrauens hatten gute und produktive Kooperationsbeziehungen zwischen Institut einerseits und der Kommission Berufs- und Wirtschaftspädagogik (BWP) der Universitäten in der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE) sowie zu den Landesinstituten für Berufsschulentwicklung jahrelang brachgelegen. Das habe ich durch persönliche und dann institutionelle Vertrauensbildung geändert. Konkrete Folge war der Kooperationsvertrag zwischen dem Bundesinstitut, dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) und der Kommission BWP, der meine Unterschrift neben der von Prof. Butler und Prof. Czycholl trägt. Diesem Vertrag traten die Landesinstitute in der von mir initiierten „Arbeitsgemeinschaft Berufsbildungs-Forschungs-Netz (AG BFN)“ aktiv ohne Bedenken zur Bund-Länder-Kompetenz bei.
Die gesamte Medienforschung und -entwicklung sowie das Publikationswesen des Instituts stellte ich durch Kündigung von veralteten Verträgen (Beuth) und Neuausschreibung auf moderne Füße. Fortan arbeiteten drei Verlage in fruchtbarer Konkurrenz mit dem und für das Institut. Gerade die Medienforschung und -entwicklung baute ich mit einem neuen, kreativen Verlag für die existenziell wichtige Gruppe der betrieblichen Aus- und Weiterbilder, der Ausbildungsleiter und -leiterinnen sowie der Lehrer und Lehrerinnen an berufsbildenden Schulen gezielt aus.
Im Bundesinstitut setzte ich eine inhaltliche und organisatorische Reform mittels Konzentration und Verschlankung durch. Zur Abflachung der Organisationshierarchie wurden die Hauptabteilungsleiter-Positionen abgeschafft sowie Sozialwissenschaftliche Forschung, Internationale Kooperation und die Zentralabteilung aufgewertet. Dies alles unter Beteiligung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie der Personalräte. Frauenförderung, auch auf Leitungspositionen, betrieb ich zusammen mit der Gleichstellungsbeauftragten bewusst und gezielt.
Später gründete ich gegen viele Widerstände (Bundesministerium für Bildung und Forschung, Deutscher Industrie und Handelskammertag) den erfolgreichen Verein und Preis für „Innovative Berufsbildung“. Meine Initiative war es, dem jährlichen Preis für besondere Leistungen bei der Weiterentwicklung der beruflichen Aus- und Weiterbildung den Namen „Hermann Schmidt-Preis“ zu geben, als mein höchst verdienstvoller Amtsvorgänger in Pension ging.

Bild
Der ehemalige stellvertretende Präsident und Leiter des Forschungsbereichs Pütz anlässlich des 25-jährigen Bestehens des BIBB

Herr Pütz: Was waren die bedeutendsten Berufsbildungsthemen Ihrer Amtszeit?

Die bedeutendsten Berufsbildungsthemen meiner Amtszeit waren die Erhöhung des betrieblichen Ausbildungsplatzangebots, Benachteiligtenförderung in der Berufsbildung/Berufskonzept, Gleichwertigkeit allgemeiner und beruflicher Bildung, duales Studium, Professionalisierung der Ausbildung der Ausbilder und Novellierung des Berufsbildungsgesetzes.
Das knappe betriebliche Ausbildungsplatzangebot erhöhte sich zwar, auch dank des „Nationalen Ausbildungspaktes“ 2004, und die Zahl der Bewerberinnen und Bewerber ging schon leicht zurück, aber die Zahl der nicht auf betriebliche Ausbildungsplätze vermittelten jungen Menschen blieb zu hoch: oft konnten wegen mangelnder Voraussetzungen freie Plätze nicht besetzt werden. Immerhin entspannte sich der Ausbildungsstellenmarkt deutlich im Vergleich zu früheren Jahren.
Die Förderung von benachteiligten Jugendlichen unter Beibehaltung des „Berufskonzepts“ verbesserte sich deutlich, weil aufgrund der vom Institut entwickelten Flexibilisierung von Ausbildungsordnungen mehr Jugendliche in Ausbildungsstellen vermittelt werden konnten. Gegen viele Widerstände, besonders der Gewerkschaften, kämpfte ich für die „Modularisierung“, für anrechenbare Teilqualifikationen in Ausbildungsgängen, für Stufenausbildungen, für zweijährige Ausbildungen – immer mit dem Ziel, auch für diese jungen Menschen eine komplette Berufsqualifikation nach den Kriterien des Berufsbildungsgesetzes zu erreichen. Bei der Zielsetzung der Gleichwertigkeit von allgemeiner und beruflicher Bildung erreichte ich erste Etappen auf dem Weg, den Berufsausbildungsabschluss mit der Mittleren Reife gleichzustellen und dem Meisterabschluss den Hochschulzugang zu eröffnen.
Erste Annäherungen wurden auch bei der Zielsetzung erreicht, duale Studiengänge an Hochschulen mit betrieblich-beruflicher Qualifizierung zu verbinden. Leider ist es mir ab 1990 wegen des Widerstandes der Arbeitgeber nicht gelungen, die bewährte „Berufsausbildung mit Abitur“ der früheren DDR in das gesamtdeutsche Berufsbildungssystem zu übernehmen.
Einen großen Schritt vorwärts zur Professionalisierung und zertifizierten Aufstiegsfortbildung der betrieblichen Ausbilder gelang mir, als ich endlich eine Industrie- und Handelskammer (IHK) für dieses Ziel gewann: die IHK München mit ihrem fortschrittlichen und mutigen Geschäftsführer Franz Schropp widersetzte sich der Blockade des DIHKT und gemeinsam mit dem Bundesverband Deutscher Berufsausbilder gelang der Einstieg in die heute selbstverständliche Hochqualifizierung der Ausbilderinnen und Ausbilder.
Auch die Modernisierung des Berufsbildungsgesetzes durch seine Novellierung war mit meiner Mitwirkung bis 2005 gelungen: die deutsche Berufsbildung insgesamt sowie die Arbeitsmöglichkeiten des Bundesinstituts wurden gestrafft und verbessert.